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Münchner Zentrum Geschichte: Von der Salzbrücke zur Millionenstadt

Mehr als 850 Jahre Stadtkern zwischen Marienplatz und Isar, von der Mönchssiedlung über die königliche Residenz bis zum Tunnelbau unter der Altstadt.

Von Bettina Seidel | 19. Juni 2026
Münchner Zentrum Geschichte: Von der Salzbrücke zur Millionenstadt © Foto: Pixelteufel / Wikimedia Commons (CC BY 2.0)
Fußgängerzone in einer bayerischen Altstadt.

Wer ueber den Marienplatz geht, steht auf dem aeltesten Stueck Muenchen, das es gibt. Hier kreuzten sich vor mehr als 850 Jahren die Salzstrasse und der Weg zur Isarbruecke, hier wurde Markt gehalten, und von hier aus wuchs aus einer Moenchssiedlung eine Millionenstadt. Der Stadtbezirk 1, Altstadt-Lehel, ist der historische Kern, aus dem alles andere hervorging.

Auf gut drei Quadratkilometern stehen hier das Rathaus, die Frauenkirche, die Residenz und die Prachtbauten des Koenigreichs Bayern. Diese Chronik fuehrt vom Streit um eine Bruecke im Jahr 1158 bis zum Tunnelbau unter dem Marienhof.

Was dich erwartet

1158: Eine Bruecke, ein Brand und der Streit um das Salz

Die Geschichte Muenchens beginnt mit einem handfesten Konflikt um Geld. Mitte des 12. Jahrhunderts fuehrte die eintraegliche Salzstrasse von Salzburg und Reichenhall nach Schwaben ueber eine Isarbruecke bei Foehring, die dem Bischof von Freising gehoerte. Herzog Heinrich der Loewe, seit 1156 mit dem Herzogtum Bayern belehnt, wollte die Zolleinnahmen fuer sich. Er liess um 1157/58 weiter suedlich, nahe der heutigen Ludwigsbruecke, eine eigene Bruecke ueber die Isar schlagen und die bischoefliche Bruecke bei Foehring niederbrennen.1

Der Bischof klagte beim Kaiser. Am 14. Juni 1158 schlichtete Friedrich I. Barbarossa den Streit auf dem Hoftag zu Augsburg. In dieser Urkunde wird der Ort "ze den Munichen", also bei den Moenchen, erstmals schriftlich erwaehnt und erhaelt Markt-, Muenz- und Brueckenrecht. Ein Drittel der Zoelle und ein Teil der Muenzeinnahmen mussten an Freising abgegeben werden. Der 14. Juni 1158 gilt seither als Geburtstag der Stadt.2

Der Name kommt von den Moenchen

"Munichen" leitet sich vom mittelhochdeutschen Wort fuer Moenche ab. An der Furt soll eine kleine Moenchssiedlung gestanden haben. Das Muenchner Kindl, das bis heute im Stadtwappen einen Moenchskutten traegt, erinnert an diesen Ursprung.

1255: München wird Residenz der Wittelsbacher

1180 wurde Heinrich der Loewe geaechtet, und Kaiser Friedrich Barbarossa belehnte Otto von Wittelsbach mit dem Herzogtum Bayern. Damit begann eine Herrschaft, die mehr als 700 Jahre dauern sollte, bis 1918. Auch eine Klage des Freisinger Bischofs, der 1180 die Zerstoerung Muenchens forderte, konnte den Aufstieg der jungen Stadt nicht mehr aufhalten.3

1255 teilten die Brueder Heinrich und Ludwig das Herzogtum. Oberbayern fiel an Ludwig den Strengen, der Muenchen zu seiner Hauptstadt machte. Aus dem Marktort wurde eine herzogliche Residenz. 1314 wurde Herzog Ludwig IV. zum deutschen Koenig und 1328 zum Kaiser gewaehlt: Ludwig der Bayer machte Muenchen zur Kaiserresidenz und verlieh der Stadt wichtige Privilegien.4

Ab 1300: Der zweite Mauerring und die Frauenkirche

Die wachsende Stadt brauchte Schutz. Um 1175 entstand eine erste Befestigung, doch schon bald war sie zu eng. Bis etwa 1330 wurde ein zweiter, weit groesserer Mauerring vollendet, dessen Verlauf bis heute den Grundriss der Altstadt bestimmt. Von seinen Toren stehen noch drei: das Isartor, das Sendlinger Tor und das Karlstor am Stachus.5

Das groesste Bauwerk dieser Epoche wuchs ab 1468 in den Himmel. Baumeister Joerg von Halsbach errichtete die Frauenkirche aus Backstein, 1494 wurde sie geweiht. Ihre beiden charakteristischen Tuerme erhielten erst um 1525 die welschen Hauben, die bis heute das Wahrzeichen der Stadt sind. Per Satzung darf in der Altstadt bis heute kein Hochhaus die Tuerme ueberragen.6

Das Herz im Herzen

Der Marienplatz hiess bis 1854 schlicht Markt oder Schrannenplatz. Hier standen Getreidemarkt, Pranger und Rathaus. Wer mehr ueber die einzelnen Quartiere des Bezirks wissen will, findet das in unserer Uebersicht der Stadtteile im Muenchner Zentrum.

1632: Schweden, Pest und ein Gelübde auf dem Markt

Im Dreissigjaehrigen Krieg traf es Muenchen hart. Im Mai 1632 besetzte der schwedische Koenig Gustav II. Adolf die Stadt. Muenchen entging der Zerstoerung nur durch ein hohes Loesegeld und die Stellung von Geiseln. Kurz darauf forderte die Pest Tausende Opfer.7

Kurfuerst Maximilian I. hatte fuer den Fall der Verschonung von Stadt und Land ein Geluebde abgelegt. Zum Dank liess er 1638 auf dem Marktplatz die Mariensaeule errichten, eine goldene Marienfigur auf hoher Saeule. Nach ihr traegt der Platz seit 1854 den Namen Marienplatz. Die Saeule ist bis heute der symbolische Mittelpunkt der Stadt, von dem aus alle Entfernungen gemessen werden.8

1724: Das Lehel wird erster Stadtteil außerhalb der Mauer

Oestlich der Altstadt, zwischen Mauer und Isar, lag ueber Jahrhunderte ein sumpfiges Stueck Auland mit vielen Isararmen. Hier siedelten arme Leute, Fischer und Floesser. Diese Gegend ist das heutige Lehel.9

1724 wurde das Lehel als erste Vorstadt offiziell in die kurfuerstliche Haupt- und Residenzstadt Muenchen eingemeindet. Mit der Grundsteinlegung der Klosterkirche Sankt Anna 1727 erhielt das Viertel den amtlichen Namen Sankt-Anna-Vorstadt. Doch die Bewohner blieben hartnaeckig bei ihrem alten Namen.

Woher kommt der Name Lehel?

Wahrscheinlich von einem kleinen herzoglichen Lehen, das auf dem Gebiet lag. Belegt sind die Formen "Lehen" (1525) und "Lehel" (1696). Die amtliche Bezeichnung Sankt-Anna-Vorstadt setzte sich nie durch, weshalb der Name Lehel schliesslich auch offiziell beibehalten wurde.

1806: Königliche Haupt- und Residenzstadt

1806 erhob Napoleon Bayern zum Koenigreich, und Muenchen wurde koenigliche Haupt- und Residenzstadt. Die Wittelsbacher trugen nun die Koenigskrone. Der Aufstieg vom Herzogssitz zur Koenigsmetropole veraenderte die Altstadt und ihre Raender grundlegend.10

1810 fand anlaesslich der Hochzeit des Kronprinzen Ludwig das erste Oktoberfest statt. Ab 1825 liess Koenig Ludwig I. die Stadt mit klassizistischen Prachtbauten ausstatten, der Ludwigstrasse, dem Koenigsplatz und den grossen Museen. Muenchen wurde zur Kunststadt, die Bevoelkerung wuchs rasant.11

Ab 1852: Die Maximilianstraße öffnet die Altstadt zum Lehel

Ludwigs Sohn, Koenig Maximilian II., setzte das Werk fort. Ab 1852 liess er nach Plaenen des Architekten Friedrich Buerklein die Maximilianstrasse anlegen, eine Prachtstrasse, die von der Altstadt durch das Lehel zur Isar fuehrt. Als kroenenden Abschluss erhielt sie auf der oestlichen Isarseite das Maximilianeum, erbaut von 1857 bis 1874, heute Sitz des Bayerischen Landtags.12

Das Lehel verwandelte sich vom Armenviertel in ein vornehmes Wohnquartier. 1855 gruendete Maximilian II. das Bayerische Nationalmuseum, das 1900 in einen Neubau an der Prinzregentenstrasse im Lehel umzog. Damit war das einstige Sumpfland zu einem der elegantesten Viertel der Stadt geworden, eine Entwicklung, die bis heute den hohen Mietspiegel im Muenchner Zentrum erklaert.13

1923 und danach: Putsch und „Hauptstadt der Bewegung“

Muenchen wurde nach dem Ersten Weltkrieg zum Schauplatz der NS-Geschichte. Am 8. und 9. November 1923 versuchte Adolf Hitler mit dem sogenannten Hitlerputsch die Macht zu ergreifen. Der Marsch endete an der Feldherrnhalle am Odeonsplatz, wo die bayerische Landespolizei die Putschisten stoppte. Vier Polizisten, 15 Putschisten und ein Unbeteiligter starben.14

Nach 1933 stilisierten die Nationalsozialisten Muenchen zur "Hauptstadt der Bewegung". Am Koenigsplatz, einst von Ludwig I. im griechischen Stil erbaut, errichteten sie zwei Ehrentempel fuer die getoeteten Putschisten und pflasterten die Rasenflaechen mit Tausenden Granitplatten zu einem Aufmarschplatz. An der Feldherrnhalle wurde ein "Ehrenmal" eingerichtet, vor dem Passanten den Hitlergruss zeigen mussten.15

1944/45: Zerstörung der Altstadt und Wiederaufbau

Im Zweiten Weltkrieg flogen die Alliierten 73 Luftangriffe auf Muenchen. Etwa 6.600 Menschen kamen ums Leben, rund 15.800 wurden verletzt. Von der historischen Altstadt waren am Ende rund 90 Prozent zerstoert. Die Residenz brannte in der Nacht vom 24. auf den 25. April 1944 weitgehend aus.16

Als die US-Armee am 30. April 1945 einrueckte, fand sie eine Truemmerstadt vor. Beim Wiederaufbau entschied sich Muenchen gegen die autogerechte Stadt und fuer den historischen Grundriss. Stadtbaurat Karl Meitinger hatte schon 1945 in seiner Schrift "Das Neue Muenchen" empfohlen, die Altstadt in ihren alten Formen wieder aufzubauen. Frauenkirche, Rathaus und Residenz wurden ueber Jahrzehnte rekonstruiert.17

Schon ein Jahrzehnt nach dem Krieg waren alle Truemmer beseitigt, und 1957 ueberschritt Muenchen die Millionengrenze.
Aus der Stadtchronik der Landeshauptstadt Muenchen

1972: Fußgängerzone und die Spiele, die die Altstadt veränderten

Die Olympischen Sommerspiele 1972 wurden zum groessten Modernisierungsschub fuer die Innenstadt. Fuer die Spiele entstanden U-Bahn und S-Bahn. Im Oktober 1971 ging die erste U-Bahn-Strecke in Betrieb, kurz darauf folgte die S-Bahn-Stammstrecke, die seither unter der Altstadt zwischen Marienplatz und Karlsplatz verlaeuft.18

Wenige Wochen vor Eroeffnung der Spiele, zum 30. Juni 1972, wurden Neuhauser Strasse, Kaufingerstrasse und der Stachus zur Fussgaengerzone, einer der ersten autofreien Flaniermeilen Deutschlands. Bis dahin hatten sich hier taeglich bis zu 75.000 Autos durchgezwaengt. Heute zaehlen die Strassen zu den meistfrequentierten Einkaufsmeilen des Landes. Wer die schoensten Bauten des Bezirks sucht, wird in unserer Liste der Sehenswuerdigkeiten im Muenchner Zentrum fuendig.19

Ueberschattet wurden die Spiele vom Attentat auf die israelische Mannschaft, bei dem elf israelische Sportler, ein Polizist und fuenf Geiselnehmer starben.

Altstadt-Lehel heute: Der kleinste, teuerste Bezirk

Der Stadtbezirk 1 ist heute flaechenmaessig einer der kleinsten Muenchens. Auf rund 318 Hektar, also etwa 3,18 Quadratkilometern, leben gut 20.600 Menschen. Das entspricht etwa 1,3 Prozent der Stadtbevoelkerung bei einer Dichte von rund 66 Einwohnern pro Hektar.20

Der Bezirk ist zugleich das politische, kulturelle und touristische Zentrum der Landeshauptstadt: Rathaus, Landtag im Maximilianeum, Residenz, Nationaltheater, die grossen Museen und die wichtigsten Geschaeftsstrassen liegen hier. Genau diese Konzentration macht ihn zum teuersten Pflaster der Stadt. Wie sich das auf den Alltag auswirkt, zeigen unsere Daten zu den Lebenshaltungskosten im Muenchner Zentrum und zur Bevoelkerungsstruktur.

Ausblick: Was unter und über der Altstadt entsteht

Das groesste Projekt der naechsten Jahre liegt buchstaeblich unter der Altstadt. Seit dem Spatenstich am 5. April 2017 baut die Deutsche Bahn die zweite S-Bahn-Stammstrecke. Auf rund zehn Kilometern entsteht ein Tunnel, der in 35 bis 40 Metern Tiefe neue Stationen am Hauptbahnhof, am Marienhof hinter dem Rathaus und am Ostbahnhof anbindet.21

Das Projekt ist zum Sinnbild fuer Verzoegerungen geworden. Statt der urspruenglich veranschlagten 3,85 Milliarden Euro rechnet die Bahn inzwischen mit mehr als 11 Milliarden Euro, die Inbetriebnahme wird erst zwischen 2035 und 2037 erwartet. Bis dahin bleibt der Marienhof, sonst eine gruene Insel hinter dem Rathaus, eine der groessten Baustellen der Innenstadt.22

Was sich nicht aendert, ist die Lage. Wie schon vor mehr als 850 Jahren, als hier eine Bruecke ueber die Isar fuer Streit sorgte, bleibt der Stadtbezirk 1 der Punkt, an dem in Muenchen alle Wege zusammenlaufen.

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